DIE ANDEREN
buchtipp

JANITA-MARJA JUVOVEN // Auszug aus „Die Anderen“ // Kapitel Menstruation
„Ich registriere langsam beim Wach werden, meine Blase spricht zu mir und drückt unangenehm. „Guten Morgen, Janita, aufstehen!“ „Ich will aber nicht aufstehen.“ „Doch, du musst aufstehen! Los, du darfst keine Zeit verlieren!“ Ich weiß, es zu ignorieren bringt nichts. Trotzdem möchte ich nicht aufstehen, es ist doch so kalt und das erneute Einschlafen danach ist auch nicht einfach. Aber ich merke, da ist noch etwas anderes. Plötzlich bin ich hellwach. Sitze sofort auf meiner Matratze. Denke: „Scheiße, Scheiße, nicht schon wieder!“ Es ist dunkel. Es ist noch mitten in der Nacht. Ich weiß nicht genau, wie viel Uhr es ist. Ich habe ja gar keine richtige Uhr. Meine Uhr ist die Straße unter meiner Brücke. Die sagt mir, es ist zwischen zwei und vier Uhr nachts. Ein wirklich beschissener Moment für einen Toilettengang ohne Toilette. Heute ist es nicht nur meine Blase, die mich geweckt hat, heute ist es das ganze Programm. Ich weiß, jetzt muss ich ganz schnell aufstehen. Es sind draußen minus fünf Grad, gefühlt minus zehn. Draußen heißt außerhalb meiner Decke, außerhalb meiner Matratze. Eigentlich wollte ich möglichst lange die Nacht unter meiner Decke verbringen, um es warm zu haben. Aber in meiner Lebensrealität läuft öfters etwas anders als gedacht, ohne dass ich einen Einfluss darauf habe. Fluss, genau, da war doch was. Los, raus in die Kälte, ich muss mir eine möglichst saubere Pappe suchen und gucken, dass ich irgendwo Klopapier herbekomme. Vielleicht habe ich noch Tempos in meinem Rucksack. Notdürftig von Krümeln befreit und grob sauber gemacht, sollten sie für die nächste Stunde reichen. In der Zeit muss ich was anderes finden. Mit mir selber schimpfe ich wieder: „Mist, du hast schon wieder nicht dran gedacht! Du bist doch wirklich unfähig.“ Aber ich hätte doch wenigstens etwas einstecken können. Für das nächste Mal, für das Jetzt. Einfach in meinen kleinen Rucksack stecken.
JJ mit dem Fluchtrucksack nennen sie mich manchmal unter der Brücke… Ja, flüchten würde ich jetzt auch gerne, aber das geht natürlich nicht. Ich muss gucken, dass ich nicht meine ganze Hose voll blute. Eine neue Hose müsste ich dann nämlich erst einmal besorgen. Dafür müsste ich durch die ganze Stadt laufen. Mit ständiger Angst, dass die provisorische Binde nicht hält. Meine Menstruation hält sich auch nicht an Öffnungszeiten von Einrichtungen.
Bitte lass es dieses Mal wenigsten nicht wieder so schmerzhaft werden wie das letzte Mal. Ich habe doch keine Wärmflasche, keine Medikamente. Ich stehe also mitten in der Nacht auf und hoffe einfach, dass es schnell vorbei ist. Hoffentlich werden es nicht sieben Tage. Ich schäme mich. Darum sag ich auch dieses Wort nicht. Menstruation oder Periode. Ständig verstecke ich meine Weiblichkeit, vergesse schon selber, dass ich eine Frau bin. Ausgenommen diese Momente. Die kann man nicht ignorieren. Ich fühle mich schmutzig. Auf einer schmutzigen Matratze unter einer schmutzigen Brücke, während ich anfange zu bluten…“