BEATSTEAKS

interview

// Coverfoto: Timmy Hargesheimer
// Redaktion: Fionn Birr

Livemonster, Publikumsliebling, Berliner Kultband: In ihrer gut drei Jahrzehnte andauernden Laufbahn wurde den Beatsteaks so einiges hinterhergerufen. Mit Hits wie „I Don’t Care As Long As You Sing“ oder “Milk & Honey” begeistern Arnim, Totze, Bernd, Thomas und Peter seit Generationen Headliner-Slots und NebenschauplĂ€tze. Als Zöglinge von Punktitanen wie Die Ärtze oder Die Toten Hosen halten die Beatsteaks auch 2024 das Herz auf den Saiten, die Haltung aus dem Proberaum und das Ohr auf dem Detail. PĂŒnktlich zum Release ihres neuen, mittlerweile neunten Studioalbums „PLEASE“ trafen wir Arnim und Totze auf der Terrasse eines Kreuzberger Hinterhofs zum GesprĂ€ch ĂŒber das Spiel mit Referenzen, die 90er in Berlin und der Alltag einer Rockband.

STREAD: Ihr habt vor sieben Jahren euer letztes gemeinsames Album veröffentlicht – „Yours erschien 2017, das ist recht lange her. Wie groß ist euer Muffensausen so kurz vor der Veröffentlichung von „PLEASE“?

Totze: Ich hatte eigentlich noch nie Muffensausen wegen einer Veröffentlichung.

Arnim: … ich auch nicht.

Totze: Ich war immer sehr glĂŒcklich mit dem, was wir beim jeweiligen Release zustande bekommen haben. Du musst dir das so vorstellen: Wir sind ja teilweise monatelang nur unter uns, in unserer Bubble und produzieren. Da sind wir fĂŒnf so eng zusammen, da kann mir persönlich nichts passieren.

So, „ich bin mit der Gang, ich bin unantastbar“-mĂ€ssig?
Totze: Ja, genau!. Es herrscht, wenn ĂŒberhaupt, eine positive Aufregung bei Releases. Muffensausen haben wir eigentlich nur vor Live-Auftritten – das mĂŒndet mitunter in schierer Angst (lacht). 

Arnim: Dieser „Hose runter“-Moment, den du meinst, tritt eher ein, wenn wir Demos vorspielen. Das ist immer am Beginn von so einer Reise, wo man oft auch noch nicht weiß, wo es hingeht. Wir machen das aber mittlerweile auch so lange, dass ich diese Situation sogar sehr wertschĂ€tze und es als Teil des Prozesses genieße – auch, wenn es eben ein bisschen unkontrollierbar ist, das gehört einfach dazu.

Arnim hat 2023 eine Solosingle veröffentlicht, Totze betreibt ein eigenen Podcast, Bernd hat als Killing Moon weiter Musik gemacht – UntĂ€tigkeit kann man euch nicht vorwerfen. Wieviel Abstimmung gibt es innerhalb der Band, was eure Nebenprojekte angeht?

Totze: Das hat sich alles ĂŒber die Jahre entwickelt, nicht erst „Yours“ 2017. Ich glaube, Thomas hat innerhalb des BandgefĂŒges frĂŒh die TĂŒr dafĂŒr aufgestoßen, weil er eben immer nebenbei noch andere Projekte laufen hatte…

Arnim: … der ist einfach nicht ausgelastet (lacht).

Totze: Thomas hat frĂŒh ein eigenes Label betrieben zum Beispiel und noch eigene Musik produziert. Als wir nach „Yours“ ein Jahr Pause gemacht haben, 


Arnim: … ein Jahr vor der Pandemie, ĂŒbrigens!

Totze: … begann jeder sein eigenes Ding zu machen. Das war total schön, weil wir uns zwischendurch immer gegenseitig abgeglichen haben: ‚Was machst du? Schau mal, was ich gemacht habe‘. Ich fand das alles toll. Es ist ĂŒberhaupt kein Thema innerhalb der Band, sondern immer klar: Wenn die Beatsteaks rufen, wird in den Proberaum gegangen und 100% gegeben. Aber sich gegenseitig eine gewisse Freiheit zu lassen, gehört dazu – wie in jeder Beziehung eigentlich.

Arnim: Beatsteaks sind wie ein Schiffchen, was wir uns gebaut haben. Ab und zu steigen wir von Bord und machen Landgang (GelĂ€chter). Wir verabreden uns dafĂŒr innerhalb der Band ĂŒber feste ZeitrĂ€ume. So ein Landgang ist wichtig, das alltĂ€gliche Leben zu leben.

Manche Bands zerstreiten sich ĂŒber solche Situationen.

Arnim: Ich glaube, in den ersten Jahren hĂ€tte das in der Band durchaus zu Streitereien fĂŒhren können. Aber ab dem Zeitpunkt, wo es wichtig wurde, hat keiner etwas anderes gemacht: da gab es nur die Band. Ich glaube, als sich mancher dieser „LandgĂ€nge“ auf eine Ebene entwickelt hatte, wo es vielleicht diskussionswĂŒrdig gewesen wĂ€re, waren wir schon so lange zusammen, dass das uns nicht mehr erschĂŒttern konnte. Wir hatten halt schon acht Platten gemacht. 

Bei eurem letzten Album „Yours“ 2017 sah die Musikwelt noch anders aus als heute – die UmsĂ€tze der Live-Musik-Branche stiegen kontinuierlich an, Streamingdienste begannen sich erst im Alltag zu etablieren, die Musikindustrie folgte noch mehr alten Strukturen. Wie reagiert ihr auf heutige Situation?

Totze: Das war von Anfang an ein Thema. Bei uns ging es ja nie um Zahlen, damals wie heute nicht. „Smack Smash“ hat sich zum Beispiel dieses Jahr 200.000 Mal verkauft. Das ist toll, aber das Album ist auch 20 Jahre alt. Heutzutage wirst du als Band, auch in unserer GrĂ¶ĂŸenordnung, aber erstmal mit nackten Zahlen konfrontiert. Wir haben auf die VerĂ€nderungen reagiert, indem wir endlich unser eigenes Label gegrĂŒndet haben und einen eigenen Verlag dazu. Das war schon Thema wĂ€hrend der Pandemie und der „Wohnzimmer EP“, die ja auch von uns selbst veröffentlicht wurde. Wir haben diese Struktur jetzt einfach weiter professionalisiert.

Ihr kommt aus einem Punk-Kontext, wo der Do-It-Yourself-Ansatz fast zum guten Ton gehört. Warum hat es fast 30 Jahre bis zum eigenen Label gedauert?

Arnim: Es fehlte uns tatsĂ€chlich der Mumm dazu, wir hatten lange nicht den Mut, uns selbststĂ€ndig zu machen. Wenn man sich unsere Geschichte ansieht, erscheint es eigentlich logisch, denn wir sind ĂŒber DIY-Strukturen in die professionelle Industrie gerutscht. Wir waren ab da aber erstmal so sehr damit beschĂ€ftigt, uns kreativ nicht von diesen Mechanismen beeinflussen zu lassen, zu korrumpieren zu lassen, dass uns das fĂŒr die nĂ€chsten Jahre ausgelastet hat. 

Es hat euch nie jemand reingeredet?
Arnim: Also, wenn wir einen Song wie „Hand In Hand“ auf einem Major rausgebracht haben, dann haben wir das Solo in der Mitte des Liedes nicht fĂŒr die Radiotauglichkeit oder so rausgeschnitten. Da gab es aber viele KĂ€mpfe im Hintergrund, die das anders gesehen haben. Andererseits: FĂŒr die Möglichkeiten, die uns die großen Labels damals geschenkt haben, sind wir aber auch sehr dankbar. Es war immer gut. Wir haben immer mit Leuten zusammengearbeitet, die unsere Musik toll fanden.

Beim neuen Album „PLEASE“ fielen da aber ja auch Feedback-Schleifen weg, die manchmal nĂŒtzlich sind. Wie habt ihr das gelöst?
Arnim: Kein Label hat jemals unsere Demos gehört. Die bekamen immer ein „finished product“.

Was ironischerweise ein Begriff aus der Musikindustrie ist.

Arnim: (lacht)… ja, was soll ich sagen, ich weiß nicht, wie das bei den Foo Fighters ablĂ€uft, aber wir haben das immer erstmal alles fertiggemacht und dann eben eingereicht. Ich denke, so machen die das auch. Wir köcheln sehr lange an unserer Suppe herum. Jetzt hat eben jeder in der Band noch zwei, drei Freunde, die das vorab zuhören bekommen, that’s it. 

Bei eurem Durchbruch um das Album „Smack Smash“ 2004, habt ihr mal behauptet, ihr seid „die letzte Rockband“. Wo seht ihr die Beatsteaks 2024?

Totze: (denkt kurz nach) Naja, wir sind immer noch die letzte Rockband (GelĂ€chter). Aber es gibt da draußen genug junge Bands, die man als Rockband bezeichnen kann, da möchte ich niemandem die Definition absprechen. Die Beatsteaks haben aber eben diesen Status, die Fahne der Proberaum-Bands hochzuhalten. Es ist egal, was außen herum passiert. Jeder hat seine Aufgabe in der Band, der eine spielt den Bass, der andere die Drums. So entstehen die Lieder, warum sollten wir das Ă€ndern? 

Weil Genres und Gruppenzugehörigkeit heute nicht mehr so eine zentrale Rolle spielen zum Beispiel.

Totze: Wir kommen aus den Neunzigern, schon zu unserer Anfangszeit bestand unsere Musik immer aus sehr heterogenen Anteilen: ein Hardcore-Song, ein Track mit Drumcomputer, ein Lied mit Sampling – unser MusikverstĂ€ndnis ist immer schon divers. Wir haben „I Don’t Care As Long As You Sing“ gemacht und gleich danach ein Ding mit 180 BPM, das ist die Beatsteaks-DNA.  

Arnim: Ich persönlich achte immer darauf, woran wir in dem Moment Spaß haben und wo sich etwas Neues ergibt. Immer, wenn sich etwas anfĂŒhlt, als wĂŒrden wir gerade dasselbe nochmal machen, wird das ad acta gelegt. Andere Bands sind da wahrscheinlich viel cleverer und können das in ihr Schaffen implantieren, aber ich denke mir: ‚Die Beatsteaks sind losgelöst von ZwĂ€ngen.‘ Wir sind stilistisch vielfĂ€ltig und man kann sich darauf verlassen, dass wir alles lieben, was wir rausbringen. Vielleicht dauert es deswegen so lange bis wir etwas rausbringen.

Wieviel „Yours“ steckt denn in „PLEASE“?
Arnim:
Viel, „PLEASE“ hat sehr viel von „Yours“, weil es eine Reaktion darauf ist: Alles hat wieder Spaß gemacht. „Yours“ war das erste Album unserer Bandgeschichte, das anstrengend war. Das sollte ja gar kein Doppelalbum werden. Aber wir hatten zu viele Ideen und haben uns da einfach verrannt.

Dennoch hat „Yours“ mit den Singles „L auf der Stirn“ oder „I Do“ zwei euerer beliebtesten Songs.

Arnim: Das Klima in der Band war danach einfach nicht das geilste, mussten wir uns eingestehen. Es stand die Frage im Raum: ‚Warum macht das denn keinen Spaß mehr?‘ Die Produktion hat uns einfach alle aufgebraucht. Daher auch die Pause. Wir wussten, dass wir das so nicht nochmal machen dĂŒrfen, sonst zerreißt es uns. 

Was war die Maßnahme bei „PLEASE“, Betriebliche Gesundheitsförderung?

Totze: (lacht) Es ging gar nicht um Fehlerkultur oder Kommunikationswege. Wir haben halt unsere Prozesse ĂŒberdacht. Thomas‘ Vorschlag war zum Beispiel, alle Demos, die da sind, werden zu Ende gemacht. Das haben wir vorher nicht gemacht.

Im Englischen gibt es den Begriff „Unlearning“, der beschreibt, im Prozess bewusst Herangehensweisen wegzulassen, um neue Techniken zu entwickeln…

Arnim: (fÀllt ins Wort) Im Berlinerischen sagen wir: Austricksen. (GelÀchter)

Ihr habt jahrelang mit dem Produzenten Moses Schneider gearbeitet. Auf „PLEASE“ ĂŒbernimmt nun Indierock-Legende Olaf Opal die Rolle des Produzenten. Wie war das, welche Prozesse habt ihr in der Zusammenarbeit mit ihm denn ĂŒber Bord geworfen?

Totze: In erster Line ging es darum, unsere Egos auszutricksen.

Arnim: Ja, der Song ist der Star! Jeder bringt seine Ideen und wenn die eine Idee vielleicht nicht so zĂŒndet, wie du dir das vorher gedacht hast, dann haben wir eher versucht, zu helfen anstatt einfach zu sagen: ‚Klappt nicht, da musst du nochmal drĂŒber.‘ Wir wollen natĂŒrlich am liebsten alle auf allen Lieder stattfinden, aber bei diesem Album stand immer der Song ĂŒber den Dingen, nicht die Band-Demokratie. „Magic Feel“ hatte ich komplett durchgesungen und war vollends ĂŒberzeugt vom Ergebnis. Aber unser Produzent Olaf Opal und Thomas waren es nicht, bis sie nach einem Monat mir unterbreiteten, dass ihre Unzufriedenheit an meinem Gesang lag – das musste mein Ego auch ertragen lernen. Jetzt singen auf dem Song vier Leute und es hat dem Lied nur gutgetan. Solche Situationen gingen reihum, die jeder in der Band hatte. Peters Lieblingslied ist „Detractors“ zum Beispiel, aber Olaf hat seine Gitarre im Mix am Ende so leise gedreht, die ist fast ausgestellt. Trotzdem sagt er: ‚Man, der Song klingt einfach geil!’

„Traumschiff“ ist ein auffĂ€lliger Song. Nicht nur, weil er viele Ideen bĂŒndelt und verschiedene Ebenen durchlĂ€uft. Ist das eines der Learnings, die ihr aus „Yours“ mitgenommen habt, der Anti-Kompromiss?

Arnim: „Traumschiff“ ist auf jeden Fall ein sehr spezielles Lied, von Anfang an. Manche Lieder sind sehr lange auf der Reise, andere sind an einem Tag fertig. „Katharina“ oder „Against All Logic“ sind immer noch dieselben Songs wie bei der Demo-Aufnahme. „Traumschiff“ war lange nur dieses Riff. Wenn du das leise spielst, hat das fast was von Marvin Gaye. Schnell kam dieses „Don’t Give Up“ dazu, aber unter dem Vorbehalt, das spĂ€ter noch abzuĂ€ndern, weil wir das anfangs etwas zu pessimistisch fanden. Olaf und Bernd haben sich dagegen aber erfolgreich gewehrt. Am Ende stellte sich heraus: Das ist einfach unsere Version eines Soulsongs. Alle unsere Lieder sind immer „unsere Version“ von einem bestimmten Stil eigentlich. Deswegen hat „Traumschiff“ einen Breakdown, deswegen hat er Streicher, die alle vom wirklich großartigen Friedrich Paravicini gespielt wurden,…

Totze: … sein Name an sich ist auch großartig (lĂ€chelt).

Die Reise von „Traumschiff“ hört sich aber auch viel nach Zweifeln an.

Arnim: Olaf meinte immer: ‚Ey, keep it real!“ Das ist ein gutes Korrektiv. Mit jedem Jahr, das ich Ă€lter werde, beginne ich zu zweifeln, auf welche Weise man was umsetzt. Mit 25 hatte ich das noch nicht, dieses second guessing. Das hat Olaf aber immer gut ausgebremst, zumindest bei mir. Das Vertrauen wurde auch immer bestĂ€tigt: Sobald gelacht, gefeiert oder vielleicht sogar geweint wurde, war klar, dass wir in die richtige Richtung gehen. Auch wenn es nicht die Art Musik ist, die wir schon gemacht haben.

Ein Großteil des Albums ist im Columbia Theater entstanden. Aus der IntimitĂ€t des Proberaums ins Columbia Theater zu gehen, stelle ich mir als Umstellung vor: Wie ungewohnt hat es sich angefĂŒhlt, in einem leerstehenden Theater zu spielen?

Totze: Eigentlich ist es völlig egal, wo wir spielen, wir fĂŒhlen uns recht schnell in allen möglichen Situationen wohl. Wir standen ja auch zwischen lauter Cases, so leer war die Halle also gar nicht. 
Arnim: Ja, das alles war fĂŒr uns gar nicht so schlimm. Da war eher der Moment der Wahrheit fĂŒr Olaf. Der hat uns ja schließlich in diese Halle geschleppt, da musste er mal zeigen, was er drauf hat (lacht). „Detractors“ und „Against All Logic“ haben wir da das erste Mal gehört und gespĂŒrt, wie er diese Songs in Szene setzen will. Das hat sich in der Tat ungewohnt und neu angefĂŒhlt, aber genau danach haben wir ja mit diesem Wechsel auch gesucht. 

Ein anderer Song, der sofort auffĂ€llt, ist „Goodbye“ mit seinem minimalistischen Arrangement. Wie schwer fallen euch solche „leeren“ Produktionen?

Totze: Das war der einfachste Track eigentlich. Wir haben zum Beispiel den Bass vom Demo genommen und am Ende nur noch einzelne Elemente dazu addiert.

Arnim: Das war auch ein Ego-Check fĂŒr Thomas, der den Song geschrieben hat. Wir haben das ganze GerĂŒst drastisch gekĂŒrzt und seinen Mittelteil fast komplett gestrichen, was ihm nicht so gefallen hat. (lacht) Einen Tag spĂ€ter kam aber die SMS: ‚Danke, dass ihr das gekĂŒrzt habt, viel besser jetzt!‘ Lange hieß der auch einfach „Intro“ bis eben diese Trennung kam, die dann verarbeitet werden musst, was es perfekt gemacht hat. Im Albumkontext finden wir es auch irgendwie cool, dass es mit einem Abschluss beginnt und dann zunehmend positiver wird. Als Einstieg ist „Goodbye“ schon sehr dĂŒster. 

Wieviel Filter durchlaufen eure Lieder denn in der Regel? Gibt es zum Beispiel einen Coolness-Filter?

Totze: Der Coolness-Filter kommt allein dadurch zustande, dass jeder Song durch fĂŒnf ĂŒbereinander-gelegte GeschmĂ€cker gefiltert wird. Am Ende sickert da etwas durch, das cool und wasserdicht ist fĂŒr uns und möglicherweise noch fĂŒr ein paar Leute außerhalb.

Arnim: Jeder ist da Chef auf seinem Gebiet und wird von den anderen respektiert. Wenn ich jetzt zum Beispiel fĂŒr eine Idee total brenne, – bei „Love Like That“ war das zum Beispiel der Fall – dann unterstĂŒtzen mich die anderen auch darin und helfen mir. Wenn ich nur das durchziehe, was ich fĂŒr richtig halte, dann ist es ja auch nur das Ergebnis, wie ich alleine es mir vorstelle. Sobald die anderen sich aber einmischen, kommt die Beatsteaks-DNA dazu.

Apropos Beatsteaks-DNA, ihr habt eine Tour gespielt, die euch ausschließlich durch alternative Jugendzentren in Ostdeutschland gefĂŒhrt hat. Welche Rolle spielen Jugendzentren fĂŒr eure musikalische Sozialisierung?
Totze: FĂŒr uns als Band haben AJZs eine zentrale Bedeutung. In den ersten Jahren unseres Bestehens haben wir fast nur in solchen Einrichtungen gespielt. Allein auf dieser Tour waren wieder zwei, drei Locations mit dabei, wo wir ohnehin schon mehrmals gespielt haben – es war also kein Neuland fĂŒr uns, an solchen Orten aufzutreten. Thomas, der ja nicht aus Berlin kommt, ist zum Beispiel auch im AJZ Reutlingen mehr oder weniger groß geworden und hat dort frĂŒher Konzerte veranstaltet. Die „Sprinter“-Tour der Beatsteaks hat uns auch ins AK 47 nach DĂŒsseldorf oder ins Conne Island nach Leipzig gebracht. Das war immer Teil von uns, auch wenn wir gar nicht so sehr eine reinrassige Punkband sind. Wenn du als junge Band Konzerte spielen willst, kommst du halt nicht gleich in professionelle Clubs, der Weg fĂŒhrt erstmal ĂŒbers Jugendzentrum. Die sind immer noch wichtig! 

Arnim: Wir haben uns natĂŒrlich auch gefragt, was wir in dieser Zeit beitragen können, wo die AFD zum Beispiel so sehr erstarkt ĂŒberall. Diese Tour findet statt, auch um ein Zeichen zu setzen. Das ist ein wichtiger Punkt: Das war keine „Warum-Up“-Tour und spĂ€ter spielen wir dann die „richtige“. Wir wollten den Leuten Danke sagen, die da arbeiten und diese TĂŒren immer noch offenhalten, gerade weil sie oft einer tierischen Bedrohung ausgesetzt sind. Wenn die AFD in ein paar LĂ€ndern in die Parlamente kommt, werden diese Orte das schnell zu spĂŒren bekommen. Die Hitlerjugend hat keine AJZs gebaut.

Totze: Das ist jetzt ein recht krasser Vergleich, aber es stimmt! (lacht)

Du sprichst von „reinrassigen Punkbands“: Wie haben Jugendzentren eure Sicht auf Musikkultur beeinflusst? 

Totze: Sehr stark, da habe ich alles mögliche erst richtig kennengelernt. Drum&Bass fĂ€llt mir da als erstes ein, aber auch HipHop-Sachen oder Techno. Wenn du dir den Beginn von Deutschrap anguckst, das hat ja auch alles seine UrsprĂŒnge in Jugendzentren. HipHop ist ja eine in erste Linie linke Kultur in Deutschland gewesen, die eben in den AJZs stattgefunden hat. Das hat aber nichts damit zu tun, dass sich diese Musik sich explizit diesen Raum ausgesucht hat. Die ErklĂ€rung ist viel einfacher: Der Raum war einfach da und die Kids wollten sich ausprobieren. Da war es auch einfach erstmal völlig egal, was du genau machst, Hauptsache, du machst irgendwas. Das ist das Tolle an Jugendzentren, dieser Schmelztiegel von unterschiedlichen Leuten, die da zusammenkommen und relativ barrierefrei, Dinge ausprobieren können.. Ey, nach der Wende bin ich sehr oft in der Liebigstraße gewesen bin, um zu Drum&Bass zu feiern – da musste man noch durch so ein Loch in den Keller krabbeln (lacht). Das waren alles immer linke Jugendzentren.

Hand aufs Herz, fĂŒhlt ihr euch dem Punk eigentlich immer noch zugehörig?

Arnim: Wenn Punk nur eine Schublade bedeutet, sehe ich uns da nicht. Aber wenn Punk heißt, dein eigenes Ding zu machen, anders als der Rest und dabei aber hundertprozentig echt zu sein, dann fĂŒhlen wir uns dem Punk eindeutig zugehörig. Aber ich möchte hier niemanden seinen Status absprechen. Es gibt tonnenweise Bands, die da viel tiefer im Punk verwurzelt sind als wir. Wir sind eher eine Punkband in der Tradition von Beastie Boys oder The Clash, die eben alles Mögliche gemacht hat und gar nicht so eindeutig sind wie die Ramones oder Slime. Das sind Legenden, großartige Bands, wir kommen aber eben von woanders, trotz aller Gemeinsamkeiten. 

Totze: FĂŒr mich war Punk auch immer: ‚Mach einfach!‘ Diese DIY-Haltung, von der wir am Anfang sprachen. Ich bin tatsĂ€chlich sogar ĂŒber die HipHop-Kultur erst mit Punk in BerĂŒhrung gekommen. Der Film „Beat Street“ ist 1984 rausgekommen, da war ich elf Jahre alt und es hat mich direkt fasziniert, wie Kids da aus dem Nichts etwas erschaffen haben. Bei dem Gedanken kriege ich immer noch eine GĂ€nsehaut: Mitten am Abgrund des Kapitalismus in der Crack-Krise haben die versucht, sich etwas aufzubauen, um eine gute Zeit zu haben. Daher war Punk fĂŒr mich immer mehr als drei Akkorde auf der Klampfe, auch wenn ich davon zunĂ€chst natĂŒrlich profitiert habe mit meinem limitierten Gitarrenskills. HĂ€tte ich aber ansatzweise ein Talent zum Rappen gehabt, wĂ€re ich ans Mic gegangen. Der Grundgedanke ist derselbe geblieben. 

Wann kam denn Punk?

Totze: Wir sind aus dem Osten nach der Wende erstmal in alle Dissen und Clubs gegangen, die es gab, nur um uns alles mal anzusehen. Punk war bei mir aber vorher schon prĂ€sent ĂŒber die Band Die Skeptiker und sowas. Danach kamen aber schon die großen Sachen wie „Dookie“ von Green Day oder Offspring mit „Self Esteem“. So Sachen wie Operation Ivy oder The Clash habe ich erst spĂ€ter entdeckt. Arnim hat viele von diesen Bands ja noch live gesehen, ich war bis Mitte der Neunziger tatsĂ€chlich erstmal damit beschĂ€ftigt vieles nachzuholen.

Arnim: Mich fasziniert bis heute das Unperfekte daran, das Nicht-Durchgecheckte, das pure GefĂŒhl. The Damend oder so, da ist oft nichts richtig und genau das ist eben das einzig richtige, was es in dem Moment gibt. 

Euer Durchbruchsalbum „Smack Smash“ ist dieses Jahr 20 geworden, ihr feiert nĂ€chstes Jahr 30-jĂ€hriges BandjubilĂ€um. Was vermisst ihr am Berlin von 2004?

Arnim: Das Geile an Musik ist ja, dass es die Zeit ein StĂŒck weit konservieren kann – wir haben unser Berlin von 2004 fĂŒr immer festgehalten, auf „Smack Smash“. Da kannst du immer auf Zeitreise gehen und es nachfĂŒhlen.

Totze: Jetzt, wo viele LĂ€den von damals nicht mehr existieren, gucke ich da schon so mit einem weinenden Auge darauf. Aber hey, ich bin ĂŒber 50, ich wĂŒrde so oder so nicht mehr so viel ausgehen. Es ist vielleicht schade, dass die Kids heute ein paar Locations nicht mehr kennenlernen können, aber dafĂŒr entstehen in Wedding oder Neukölln eben neue Orte, von denen ich zum Beispiel gar keine Ahnung habe, dass die ĂŒberhaupt existieren. Es wĂ€chst also immer auch was nach. GlĂŒcklicherweise ist die Stadt so groß, dass fĂŒr alles Platz ist – das ist dann das lachende Auge. 

Arnim: Und wir machen das ja auch einfach immer noch! Man hört ja oft als Band, dass vieles nicht mehr so wie frĂŒher sei – von Fans oder auch von alten Kollegen. Da antworte ich immer nur drauf: ‚Ja, weil du nicht mehr so wie frĂŒher bist, wir sind immer noch in unserem Proberaum!‘ (grinst)  

Gibt es Momente nach all den Jahren, wo ihr fĂŒr euch eine gewisse NormalitĂ€t herbeisehnt, sei es durch alltĂ€gliche Strukturen oder durch einen sogenannten „ehrlichen“ Beruf?

Arnim: Wir haben einen stinknormalen Alltag, das wĂŒrdest du mir nicht glauben. 

Totze: Total, ganz normaler Alltag. Die Leute kriegen halt immer nur mit, was nicht normal ist wie in der ausverkauften Wuhlheide ein Konzert zu spielen. Das ist immer noch mega-besonders, auch fĂŒr uns. Wenn ich mit alten Schulkameraden zum Beispiel spreche, stellen wir immer wieder fest, wie viele Parallelen wir im tĂ€glichen Leben haben – mein Job ist aber halt die Band und nicht das BĂŒro. Der einzige Unterschied ist, dass ich nicht um 6.30 Uhr aufstehen muss – es sei denn ich muss meine Tochter zur Schule bringen. Aber guck mal, wir haben alle ja Kinder oder sogar Enkelkinder – das gibt dir automatisch eine Alltagsstruktur. Wir proben von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende geht es mit der Familie raus ins GrĂŒne, alles recht langweilig sogar (lacht). 

Arnim: Ein guter Freund, der frĂŒher auch mit auf Punkonzerte kam, sagt mir immer: ‚Ich bewundere euch so, dass ihr das als Band durchzieht und euch einen Alltag aufrechterhaltet und die Leute halten euch trotzdem fĂŒr Rockstars!‘ Wir sind normale Dudes mit normalen Zweifeln und normalen Sorgen. Auch wenn wir eine berĂŒhmte Band sind, sind wir jetzt nicht automatisch steinreich. Wir mĂŒssen alle drei bis vier Jahre mindestens auf Tour gehen, sonst ist das Geld alle. Wir machen unsere Musik und ja, wir leben immer noch unseren Traum. Du musst unseren Traum ja nicht toll finden, aber du kannst mir auch nicht erzĂ€hlen, dass trĂ€umen nicht total geil ist. 

// Foto: Lukas Groß

Podcast

maĂŻa

Wir haben uns mit Deutsch-Pop-Newcomerin maĂŻa ĂŒber ihr neues Tape "Ich hoff du brichst mir das Herz" unterhalten und erfahren, wieso Schmerz und Liebe nicht gegensĂ€tzlich sind und warum maĂŻa sich keine Ziele setzt.

// Redaktion: Julie Sophie Himmelstoss

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Im Interview

Josephine Rais for ONE DROP

// Redaktion: Anna Schunck

Nicht nur Fashion wird immer schnelllebiger, auch die Musikwelt. Zeit, mal auf Pause zu drĂŒcken und fĂŒr ein bisschen Nachhaltigkeit und Awareness zu sorgen. Mit ONE DROP.

FĂŒr diese exklusiven Kollektionen der Stiftung DOJO Cares in Zusammenarbeit mit der Creative Music Company A Million verschenken KĂŒnstler:innen unverkauftes Merch – und up-and-coming Designer:innen machen daraus ein Social Fashion Piece. So bekommen die Teile als Limited Edition einen komplett neuen Sinn. Zugunsten immer neuer sozialer Projekte! Diesmal: zugunsten von „Stread“.

Die Shirts fĂŒr ONE DROP Number One kommen von niemand geringerem als RIN, die Designs von Kunst-Queen Josephine Rais.

Die Illustratorin und Strategic Designerin arbeitet fĂŒr Kund:innen von A wie adidas bis Z wie Zeit Magazin. Ihre knallbunten Arbeiten kritisieren Gesellschaft ohne zu nerven und sind international bekannt. Aktuell fahren unter anderem zwei von ihr gestaltete Trams durch Hong Kong, wo sie zuletzt auch gearbeitet hat. 

Warum Josephine sich mit ihren Designs auf RINs Shirts pro Bono fĂŒr obdach- und mittellose Menschen einsetzt? Wir haben nachgefragt. NatĂŒrlich auch danach, wie sie die erste Limited Edition selbst stylen wird. Ihr könnt’s kaum erwarten? Wir auch nicht. Zum GlĂŒck dropt ONE DROP schon ab August 2024!

Hi Josephine, du arbeitest viel fĂŒr Fashion Brands – machst aber nur sehr ausgewĂ€hlt mal eigene Pieces, oder?

TatsĂ€chlich, wĂŒrde ich sagen, so 80 Prozent meiner ganzen Arbeit finden auf digitalen Plattformen statt – auf Webseiten, in Social Media Kampagnen. Seit einiger Zeit shiftet sich das aber immer mehr auch in Richtung Produkt.

Gut fĂŒr uns! Und auch good for you?

Voll. Ich komme aus dem Produkt, habe Produktdesign studiert, und da ist am Ende natĂŒrlich alles haptisch. Genau das habe ich in meiner Arbeit irgendwann ein bisschen vermisst. Mein Stil funktioniert sehr gut, um digital eine Geschichte zu erzĂ€hlen, Werte und Emotionen zu vermitteln. Das Gleiche auf einem Shirt zu schaffen ist nochmal was anderes. Ich wĂŒrde zum Beispiel selber nie ein weißes Basic-T tragen, wo vorne einfach’ne quadratische Illustration drauf ist – nicht mal wenn’s eine von mir selbst ist!

Wie hast du’s stattdessen gemacht?

FlĂ€chiger. Ich wollte nicht nur die Front, sondern den ganzen Raum nutzen. Und Farben, die knallen. Wir hatten die Möglichkeit zu einem extrem guten Druck mit dem Maximum, das man an Farben rausholen kann. Das war einer der ersten Punkte, die ich klĂ€ren wollte, um zu entscheiden, was ich mache. Beim Motiv war es mir wichtig, etwas zu designen, das die breite Masse anspricht und dabei so gender neutral ist, wie möglich. Alle sollen irgendwie sagen können: Hey, das ist was, was ich tragen will! Ich glaub’ das hat geklappt. Selbst in der Hand hatte ich das Shirt aber auch noch nicht. Ich bin super gespannt!

Wie wĂŒrdest du selbst das erste ONE DROP Piece stylen?

Auf jeden Fall oversized. Und wahrscheinlich zu Cargoshorts.

Welche Rolle spielt Fashion generell in deinem Leben?

Eine große! FĂŒr mich ist Mode eine Form von Ausdruck, ein Statement. Und gute Outfits machen mir einfach Spaß. Ich probiere mich gerne aus und wĂŒrde meinen Stil als flexibel beschreiben. Was ich anziehe, mache ich ganz arg von meiner Stimmung abhĂ€ngig. Generell halte ich Mode durchaus fĂŒr eine Kunstform – und eine Inspiration fĂŒr meine eigene Arbeit. Ich schaue extrem darauf, was meine Personen so anhaben und versuche immer, relativ diverse Charaktere darzustellen. Und natĂŒrlich will ich auch wissen und zeigen: was ist gerade Trend? Was funktioniert gut?

In deiner Kunst stellst du ĂŒberwiegend sehr diverse weiblich gelesene Personen dar. Eine bewusste Entscheidung?

Eher im Gegenteil! Ich glaube, das war am Anfang total unbewusst. Mir ist das selbst erst im Laufe der Zeit richtig aufgefallen. Ich habe primĂ€r angefangen, das zu malen, was mich interessiert, was mich beschĂ€ftigt und bewegt – was fĂŒr mich aktuell Thema ist. Dazu gehören Feminismus, DiversitĂ€t, Gleichberechtigung.

Auf den ersten Blick ist deine Arbeit vor allem bunt und fröhlich, warm und anschmiegsam –  stĂ¶ĂŸt dabei aber gleichzeitig auch hĂ€rtere Themen an. Setzt du bewusst politische Statements, und willst du das auch mit dem ONE DROP-Shirt machen?

Ja. Allerdings versuche ich immer, Gesellschaftskritik so natĂŒrlich wie möglich einfließen zu lassen. Ich verstecke immer so ganz kleine Hints in meinen Illustrationen, sodass man wirklich genau hingucken muss, um zu verstehen, welche vielleicht auch politische Aussage darin steckt. Auf Social Media, wo ich viel stattfindet, ist die Aufmerksamkeitsspanne natĂŒrlich leider gar nicht hoch genug dafĂŒr. Vielleicht muss ich kĂŒnftig noch deutlicher werden


Die Frage ist ja immer: Wie aggressiv können wir sein, ohne zu nerven, und wie aggressiv mĂŒssen wir sein, um genau das richtige Bisschen zu nerven


Auf jeden Fall! Ich denke, ich habe es geschafft, mit meinen subtilen Botschaften eine wirklich breite Masse anzusprechen. Und wie sagt man so: steter Tropfen höhlt den Stein! 

Was wir jeden Tag sehen, wird Teil des Weltbildes.

Inwiefern sind wohnungs- und mittellose Menschen Teil von deinem – und wie fĂŒhlt sich die Begegnung mit obdachlosen Menschen fĂŒr dich an?

BerĂŒhrungspunkte gibt es tĂ€glich. Schon allein, weil die Existenz von Armut und Obdachlosigkeit in GroßstĂ€dten wie Berlin besonders sichtbar ist. Mein GefĂŒhl dazu ist die Angst, mich zu sehr daran zu gewöhnen, die Situation, die Not anderer kaum noch oder gar nicht mehr zu sehen.

Du wirkst eigentlich nicht, als wĂŒrdest du da Gefahr laufen


Manchmal schon. Und tun wir das nicht alle? Wobei das bei mir auch immer Tagesform abhÀngig und situationsbedingt ist. Die Art, ob und wie ich mich abgrenze, hat immer auch mit meinem eigenen Wohlbefinden zu tun. Wenn bei mir alles gut ist, dann habe ich viel mehr ein Auge, einen Blick, ein Herz. Und dann gibt es Tage, an denen ich an Menschen und Situationen einfach stumpf vorbeilaufen und mir eingestehe, das schaffe ich gerade irgendwie nicht. Das finde ich wie gesagt normal und gleichzeitig super traurig. Und was mich gesellschaftlich manchmal schockiert, ist ein sehr entmenschlichten Blick auf obdachlose Menschen, so als wÀren sie nicht Teil der Gesellschaft, weniger wert.

Was können wir dagegen tun?

GesprĂ€che fĂŒhren. Ich habe schon oft gemerkt, dass sich was tut, wenn wir Dinge im Kleinen ansprechen. Und das ist oft am meisten wert. Generell habe ich mir vorgenommen, mehr offline zu machen. Es braucht einfach mehr Aufmerksamkeit fĂŒr eine Thematik wie diese. Deshalb finde ich auch „Stread“ so gut. Und es braucht mehr Hilfestellung fĂŒr die, die was tun wollen, aber nicht wissen, wie. Das Thema Obdachlosigkeit ist einmal im Sommer, wenn’s heiß ist und einmal im Winter wegen der KĂ€lte einigermaßen gesellschaftlich prĂ€sent. Das reicht nicht! Und so ein Charity-Weihnachtsessen zum Beispiel ist zwar sehr schön, aber auch viel zu selten und das zeigt auch viel zu wenig echte politische MissstĂ€nde auf. Ich wĂŒnsche mir, dass das Thema durch mehr aktiv gestaltete BerĂŒhrungspunkte zu mehr SelbstverstĂ€ndlichkeit kommt. Und eben, dass die Awareness steigt. Deshalb war mir sofort klar, dass ich die Colab unbedingt machen will.

Coz you can! Wie bist du eigentlich so erfolgreich geworden?

Ich habe unbewusst ganz viele richtige und richtig gute Entscheidungen getroffen.

Unbewusst oder intuitiv?

Gute Frage! Ich habe einfach schon immer gemalt. FĂŒr mich war das als kleines MĂ€dchen schon eine Ausdrucksform, die ich genutzt habe, um etwas zu verarbeiten – und einfach aus Spaß. Ich durfte super wenig fernsehen, es gab kein Internet, ich habe gemalt, wirklich auf alles gemalt, auf Zettel, Kleider, auf meine ZimmerwĂ€nde


Uups


Meine Eltern waren, was das angeht, super entspannt – als Hobby. Als ich dann gesagt habe, ich möchte beruflich was mit Kunst machen, hatte ich dann nicht mehr so viel Support.

Was hat dich trotzdem angetrieben?

Ich wollte es einfach unbedingt. Nach meinem Studium bin ich aus SĂŒddeutschland nach Berlin gekommen. In meinem Freund:innenkreis hier war dann unter anderem eine selbststĂ€ndige Illustratorin, die mir geraten hat: probier‘s mal! Ich habe am Anfang viel fĂŒr Agenturen gemacht, ausgeholfen und hab’ wĂ€hrenddessen halt wirklich Tag und Nacht gemalt, gemalt, gemalt. Getrieben hat mich dann schon auch das erste Feedback, dass meine Sachen sehr gut sind. Meine Freund:innen haben mich damals dann manchmal ein bisschen mit gepitcht. Das ist auch mein Tipp, wenn man Kunst machen möchte: auf ein offline Netzwerk an Menschen setzen, die das gleiche tun, das zu pflegen, sich gegenseitig zu helfen, eine Hand wĂ€scht die andere.

Und dann gibt’s ja auch noch Social Media


Genau. Da hatte ich von Anfang an GlĂŒck, dass meine Sachen auch viele Leute in den USA und in UK erreicht – und generell ziemlich eingeschlagen haben. 

Kannst du immer oder hast du auch mal ein kreatives Loch?

NatĂŒrlich. Es gibt Tage, da fĂŒhl ich’s gar nicht. Blöd ist das natĂŒrlich, wenn ich trotzdem eine Deadline einhalten muss, nutze ich ganz stumpf, was ich im Studium gelernt hab’: methodisch zu arbeiten. DafĂŒr bin ich dann ganz dankbar. Leute sagen oft: Come on! Du hast dein Hobby zum Beruf gemacht. Hab’ ich – und trotzdem ist es mein Beruf – und der funktioniert nicht nur frei und kreativ, sondern auch ĂŒber Briefings.

Was machst du, wenn du mal nicht weiterkommst?

Wenn ich es mir leisten kann, dann weglegen. Selbstzweifeln möglichst wenig Raum geben. Mit anderen Kreativen sprechen. Zum Beispiel mit den Menschen in meinem Office. Und Musik hören.

Uh! VerrÀtst du uns deine aktuelle Top 5?

Waking up Down – Yaeji

Venom – Little Simz

Be Sweet – Japanese Breakfast

ăȘă«ă‚„ăŁăŠă‚‚ă†ăŸăă„ă‹ăȘい – meiyo

Pancake – JADED, Ashnikko

Vielen Dank!

Lokales Straßenmagazin

Art of the Working Class

10/2023

Weitere Straßenmagazine

Jede Stread-Ausgabe enthĂ€lt das lokale Straßenmagazin deiner Stadt. Not enough? ZusĂ€tzlich kannst du dich hier ĂŒber die Magazine anderer StĂ€dte schlau machen.

So leicht kriegst du einen Löwen fĂŒr Zuhause

// Redaktion: Robert Hofmann

Egal wie exotisch, egal wie gefĂ€hrlich oder traurig sie in deinem Garten rumstehen: Es ist in vielen Regionen Deutschlands erstaunlich legal, sich ein wildes Tier anzuschaffen. Patrick MĂŒller will das Ă€ndern.

Exotische Tiere sind meistens sĂŒĂŸ und gefĂ€hrlich. Kein Wunder also, dass manche Menschen sie sich zuhause halten wollen. Sie stehen fĂŒr die BĂ€ndigung der Natur und versprechen, fĂŒr Kuschelliebe und fĂŒr den Tod allen, die sich ungebeten Zutritt zum eigenen Heim verschaffen.

Nun ist es in Deutschland vielerorts erlaubt, exotische Tiere zuhause zu halten. Löwen, Tiger, EisbĂ€ren – die Regeln, die das verhindern, sind entweder schwach oder nicht vorhanden.

Patrick MĂŒller arbeitet bei AAP, einer Organisation, die Tiere rettet und sich dafĂŒr einsetzt, dass die Regeln verschĂ€rft werden. Wir wollten von ihm wissen, wie leicht es tatsĂ€chlich ist, an einen Löwen fĂŒrs Wohnzimmer zu kommen.

 

STREAD: Patrick. Kann ich mir einen Löwen fĂŒr zuhause holen?

Patrick MĂŒller: Du lebst in Berlin, richtig?

 

Ja.

Dann geht das nicht, zumindest nicht legal.

 

Ist das nicht ĂŒberall gleich?

Es gibt kein deutschlandweites Gesetz, das das regeln wĂŒrde. Das ist in jedem Bundesland anders. In MĂŒnchen wĂ€re ein Tiger als Haustier verboten, in Stuttgart wĂ€re er erlaubt. Obwohl er auch da ziemlich gefĂ€hrlich ist.

 

Gibt es da keine Regelungen, die das eingrenzen?

Du darfst keine Tiere aus freier Wildbahn kaufen. Nur aus Nachzuchten. Wenn du also deinen Tiger von einem tschechischen ZĂŒchter kaufst, ist das legit. Du kriegst von dem Papiere, gehst damit zur Artenschutzbehörde und meldest ihn an.

 

Also sind die Tiere zumindest registriert.

Die Artenschutzbehörde ist weder das VeterinÀramt, noch die Polizei und kann deine Infos dank der DSGVO auch nicht an andere Behörden weiterreichen. Es ist nicht nachvollziehbar, wo in Deutschland exotische Tiere leben.

 

Wie bitte?

Wenn du deine Eltern in NRW besuchst, kann es sein, dass deren Nachbarn einen Löwen zuhause halten, von dem deine Eltern nichts wissen. Und Polizei und VeterinÀramt auch nicht. Und das völlig legal.

 

Gibt es wenigstens Vorgaben, wie so ein Löwe gehalten werden muss?

Es gibt Empfehlungsrichtlinien, sage ich mal. In der genauen AusfĂŒhrung sind die aber nicht rechtskrĂ€ftig, das ist immer Auslegungssache von den jeweiligen Gerichten.

 

Wenn die Nachbarn meiner Eltern einen Löwen halten, sollte das doch eindeutig sein?

Wenn das VeterinĂ€ramt die Nachbarn kontrolliert und schaut, ob das Tier artgerecht gehalten wird, ist das immer noch eine schwierige Sache. Wenn das Gehege jetzt ein bisschen zu klein ist oder doch zu viele Tiere – oder zu wenige Tiere – gehalten werden, kann es immer noch sagen, ach ja, Pi mal Daumen funktioniert es schon.

 

Pi mal Daumen?

Wenn ein Tier aus einem Privathaushalt rausgeholt wird, ohne dass es ein extrem erschreckend klarer Fall ist, kann so eine Entscheidung einfach vom Gericht abgeschmettert werden.

 

Wenn es ohnehin keine Meldepflicht gibt, wann kommt das VeterinĂ€ramt dann ĂŒberhaupt gucken?

Wenn das Tier krank ist oder abhaut.

 

Ok, also um das klar zu kriegen: Ich dĂŒrfte mir theoretisch einen Löwen fĂŒrs Badezimmer holen.

In Berlin nicht. Aber etwa in der HÀlfte der BundeslÀnder wÀre das fair, ja.

 

Wie viele Löwen leben denn in Deutschland?

Weiß man nicht, wird ja nicht gemeldet.

 

Und wie oft hauen die ab?

Das kann ich dir auch nicht sagen, weil wir uns nur mit den FĂ€llen beschĂ€ftigen, in denen ein Tier einen neuen Besitzer braucht. Aber ich erinnere mich an die Baby-Löwen-Geschwister Elsa und Marley, die in Sachsen-Anhalt ausgebĂŒxt sind und dann auf einem Parkplatz von der Feuerwehr eingesammelt wurden.

 

Was ist mit denen passiert?

Die kamen zurĂŒck zu ihrem Besitzer, weil das ja legal war. Nur doof, dass sie draußen waren. Der hatte sie im Wohnzimmer gehalten. Mittlerweile sind die aber auch bei uns.

 

Wie kam es dazu?

Also der Besitzer hatte die Löwenbabys bei einem ZĂŒchter in RumĂ€nien bestellt. Und durch die Feuerwehraktion wurde das VeterinĂ€ramt auf sie aufmerksam, das den Besitzer kontrolliert und dabei festgestellt hat, dass der keine Papiere fĂŒr die Tiere hatte. Die kamen dann erst in den Magdeburger Zoo und schließlich zu uns.

 

Happy End.

Möchte man meinen. Aber der Typ wollte halt unheimlich gerne Löwen haben. Deshalb hat er sich 2020 dann einfach einen neuen Löwen gekauft. Und weil er gerne krasser sein wollte, hat er sich einen weißen Löwen geholt. Das heißt also, einen Löwen, der so in der Natur gar nicht existiert, sondern quasi bewusst hochgezĂŒchtet wurde, Mojo heißt der.

 

Und das VeterinÀramt?

Das wusste natĂŒrlich, dass der Typ schon mal Löwen hatte und hat gesagt: okay, dann bau halt ein Gehege. Bis dahin hat es den Löwen einkassiert. Etwa ein Jahr war er dann im Zoo in Halle, glaube ich. Den offiziellen Stellen wurde das dann zu teuer, weswegen sie den Löwen einfach zurĂŒckgegeben haben. Obwohl das Gehege noch nicht fertig war. Als klar wurde, dass das wohl auch nicht passieren wĂŒrde, sollte der Löwe beschlagnahmt werden. Als aber die VeterinĂ€re hinkamen, war der Löwe weg. Der Besitzer sagt, er habe ihn in die Niederlande verkauft. Als wir da nachgeschaut haben, war da aber kein Löwe und niemand will von dem Besitzer je gehört haben. Es ist also völlig unklar, wo in Europa gerade ein ausgewachsener weißer Löwe lebt.

 

Das ist echt krass, so ein Löwe ist ja eine Waffe, ein Panzer.

Ja, und wir erinnern uns ja noch an die Panik, die die vermeintliche ausgebĂŒxte Löwin im Sommer in Berlin ausgelöst hat. Es gibt aber viele verschiedene Vermutungen, was passiert ist. Manche sagen, der wurde einfach zerhackt und man hat die Einzelteile fĂŒr traditionelle Medizin verkauft. Andere meinen, dass der in außereuropĂ€ische LĂ€nder verkauft wurde und jetzt da als Haustier gehalten wird. Aber die Wahrheit ist, es gibt keine Indizien wo der ist.

 

Wie teuer ist ein Löwe?

3000 bis 3500 Euro. Also wie ein reinrassiger deutscher SchÀferhund mit Zuchtnachweis.

 

Was kann man tun, um das zu unterbinden?

Wir wollen eine Positivliste fĂŒr Haustiere.

 

Was heißt das?

Bislang sind bestimmte Tiere als Haustiere verboten. Das Problem ist, wenn jetzt neue Trendtiere auftauchen, mĂŒssen die erst mal verboten werden, das dauert. Das ist wie mit neuartigen synthetischen Drogen, da laufen die Behörden auch den Entwicklern hinterher.

 

Also?

Wir stellen eine Liste von Tieren auf, die man halten darf, geordnet nach verschiedenen Kategorien. Manche darf jeder halten, Hunde und Katzen etwa, fĂŒr andere muss man nachweisen, dass man sich auskennt und wieder andere gehen nur an Experten, die bestimmte Voraussetzungen erfĂŒllen.

 

Warum nicht einfach alles verbieten, was gefÀhrlich ist?

Weil uns dann viel Expertise verlorengehen wĂŒrde. Bei Reptilien etwa ist Deutschland eines der LĂ€nder mit dem grĂ¶ĂŸten Fachwissen unter vermeintlichen Laien. Viele der Halter haben richtig Ahnung. Viele aber halt auch nicht.

 

Und bei den restlichen Tieren stĂŒrmt dann die Polizei Privatwohnungen?

Nein, da sollte die sogenannte Großvaterklausel angewendet werden. Tiere, die schon in Privatbesitz sind, sollen das auch bleiben. Nur dĂŒrfen die nicht nachgezĂŒchtet oder neu gekauft werden.

 

Okay, bevor es so weit ist, kann ich noch zugreifen. Welches RaubsÀugetier wÀre das teuerste?
Leoparden kosten schon mal ĂŒber 20.000 Euro. Jaguare sind auch teuer, da haben wir Angebote zwischen 11.000 und 16.000 Euro gesehen.

 

Leoparden sind doch auch mega aggressiv.

Das gilt aber fĂŒr so ziemlich alle Tiere in Gefangenschaft. Die sind ja von Natur aus auf ganz andere Bewegungsmuster ausgelegt. Die entwickeln komplett wahnsinnige, irrationale Aggressionen, wenn die nicht artgerecht leben.

 

Seht ihr artgerechte Haltung?

Das ist ja kaum möglich. Die meisten FÀlle, die bei uns landen, sind aber nur traurig. Da ist viel Verwahrlosung, viel Krankheit und Elend im Spiel.

 

Wie optimistisch bist du, dass diese Positivliste kommt?

Das Tierschutzgesetz wird gerade ĂŒberarbeitet. Die Novellierung bezieht sich aber nur auf Zirkustiere und auch hier konnte man sich nur auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Deutschland hat hier die weichsten Gesetze in der ganzen EU – nĂ€mlich fast keine. Eine Reform ist dringend nötig, aber der Widerstand ist hart.

 

Warum?

Die Leute meinen, wir wollen jetzt alle Tiere in Privathaushalten verbieten. Das ist einfach nicht wahr.

// Foto: Jakob Furis // Stread #03/24

PAULA HARTMANN

interview

Die SĂ€ngerin ĂŒber die Last des Fames, ihre Machtlosigkeit im Angesicht des Elends dieser Welt und das Donnergrollen im MĂ€rchenland.

// Redaktion Alex Barbian

Paula! Das Hadern mit dem Rampenlicht scheint ein zentrales Thema auf »kleine Feuer«, deiner neuen Platte, zu sein. Es wirkt, als wĂŒrdest du auf eine jahrzehntelange KĂŒnstler*innen-Karriere zurĂŒckblicken — dabei ist »kleine Feuer« erst dein zweites Album.

 

Mich wundert eher, dass sich nicht auch andere Artists schon viel frĂŒher kritisch mit dem Rampenlicht beschĂ€ftigen. Vielleicht liegt es in meinem Fall daran, dass ich mich schon in meinen Teenagerjahren in einer Light-Version damit auseinandergesetzt habe und generell viel darĂŒber nachdenke, was Öffentlichkeit mit einem Menschen so macht.

 

Warum? 

 

Ich bin nicht so gut darin, die Hochphasen auszukosten, die mit meinem Beruf verbunden sind. Ich bin extrem dankbar fĂŒr meinen Job, aber nehme natĂŒrlich auch die negativen Begleiterscheinungen wahr. Zum Beispiel wird das Privatleben weirder, weil du plötzlich auch dort eine andere Rolle hast. In Momenten, in denen es mir gut geht, kann ich den ganzen Trubel und die damit verbundenen GefĂŒhle aber deutlich besser verarbeiten.

Hast du schon mal mit dem Gedanken gespielt, das Musik-Ding an den Nagel zu hÀngen? 

 

Eigentlich ĂŒber den gesamten Entstehungsprozess des neuen Albums hinweg. Aber in 2024 noch gar nicht. Mal sehen, wann ich das nĂ€chste Mal ins Zweifeln komme.

 

Du wirst ja auch stĂ€ndig von allen Seiten bewertet, als KĂŒnstler*in. 

 

Die Anzahl der Menschen, die du persönlich kennst, steht ja in keinem VerhÀltnis zu der Anzahl an Leuten, die eine Meinung zu dir haben. Du bist eine ProjektionsflÀche. Ich war zwanzig, als ich diese Rolle akzeptieren und annehmen musste. Das nicht alles auf mich zu beziehen, musste ich erst mal lernen.

 

Bist du zu jung berĂŒhmt geworden? 

 

Nein. Ich will mich auch gar nicht beschweren. Jeder Job ist mit Herausforderungen verbunden, meiner eben auch. In diesem Fall kann man den Umgang damit vorher nicht lernen, sondern macht eben Erfahrungen. Aber das hat nicht unbedingt was mit dem Alter zu tun. Entscheidend ist eher, wie sehr man mit sich selbst hadert.  

 

Passend dazu heißt es in einem Song auf »kleine Feuer«: »Niemand hat mir gezeigt, wie man fĂ€hrt« 
 

 

Das lĂ€sst sich doch eigentlich auf jede Form von Erwachsenwerden ĂŒbertragen, oder? Ich finde, das ist ein universelles GefĂŒhl: Dinge machen mĂŒssen, obwohl einem niemand eine Anleitung dafĂŒr gegeben hat. Liebe, Verlust, alles. 

 

Apropos Verlust. »kleine Feuer« ist ziemlich dĂŒster geraten. Die beinahe niedliche MĂ€rchenwelt, die du auf deinem ersten Album »Nie verliebt« gezeichnet hast, wird auf dem zweiten Album von epochaler Finsternis ĂŒberschattet. 

 

Die MĂ€rchen-Ästhetik in meinen Texten und im Beiwerk ist noch da. Aber die zerbrechliche, eingeschĂŒchterte, fast naive Figur, die man auf dem ersten Album erlebt hat, bin ich einfach nicht mehr. Ich bin Ă€lter geworden und habe Abstand genommen von diesem zerbrechlichen Narrativ. Das hat mich irgendwann selbst genervt. Ich wollte zeigen, was inzwischen in meiner MĂ€rchenwelt passiert und wollte mich nicht wiederholen.

Das ist dir auf jeden Fall gelungen. 

 

Ich hatte den Anspruch, diesmal ein selbstbestimmteres, klareres Album zu machen. Auf »Nie Verliebt« wurden noch mehr Fragen gestellt, auf »kleine Feuer« sollen Antworten gegeben werden. Auch, wenn die sicherlich dĂŒster sind. 

 

Die Geschichten, die du in deinen Liedern verpackst, finden eigentlich immer nachts statt, oder? 

 

Ich wĂŒrde mir sehr wĂŒnschen, dass mir irgendwann mal ein ‚Happy-tagsĂŒber-Song‘ gelingt. Bisher hat das leider nicht geklappt. Es fĂŒhlt sich immer irgendwie an wie ein Fremdkörper.

 

Die spannenden Dinge passieren nun mal bei Nacht. 

 

Die Nacht ist faszinierend, ja. FĂŒr mich fĂŒhlt es sich so an, als dĂŒrfte ich nachts Dinge tun, die tagsĂŒber verboten sind. Sobald es hell wird, muss man wieder in der Gesellschaft stattfinden. Dann ist der Spaß vorbei. Meine Texte entstehen auch in der Nacht. Ich kann mir dann einreden, dass außer mir niemand wach ist und keiner meine Gedanken hört. 

 

Die neue Platte ist in sehr konzentrierten Sessions entstanden, völlig isoliert von der Außenwelt. Das hört man. 

 

Mein Produzent Biztram und ich haben uns eingeschlossen, teilweise sieben Tage am StĂŒck. Als der intensive kreative Prozess begann, ging es mir mental gerade nicht gut. Das Arbeitspensum, unser Perfektionismus und die Auseinandersetzung mit einem so persönlichen Projekt haben die Situation dann nicht besser gemacht. 

 

Sind in dieser Zeit auch die Songtexte entstanden? 

 

Genau. Und die spiegeln diese AtmosphĂ€re natĂŒrlich wider. Da war wenig Raum zur Ekstase — das ist bestimmt ein Grund fĂŒr den dĂŒsteren Vibe. 

 

Wenn du sagst: »NiĐ”mand glaubt mehr, wir verĂ€ndern was«, willst du dann das LebensgefĂŒhl deiner Generation beschreiben? 

 

Schon, ja. Es gibt in meiner Generation natĂŒrlich viele schöne Entwicklungen: Manche Leute setzen sich aktivistisch ein und viele sind extrem lernbereit, wenn es darum geht, sensibel mit Sprache umzugehen. Trotzdem fĂŒhlt sich all das im Lichte der Gesamtsituation in der Welt oft sinnlos an. 

 

Optimistisch zu sein fÀllt gerade schwer, ist vielleicht sogar unangebracht. 

 

Ich gehe schon immer noch auf Demos und versuche mich fĂŒr meine Ideale einzusetzen. Und natĂŒrlich hoffe ich, dass das irgendetwas verĂ€ndert. Aber meine Hoffnung hĂ€lt sich trotzdem in Grenzen. 

 

In »Snoopy« — dem letzten Song auf »kleine Feuer« — ermahnst du dich selbst: »Paula, du warst viel zu lang draußen, komm endlich nach Hause«. Was meinst du damit? 

 

In diesem Satz kommen einfach GefĂŒhle und Erfahrungen der letzten drei Jahre zusammen. Ich war viel unterwegs, bin zwischen Berlin, Hamburg, Studio und Tour-Terminen hin- und hergependelt. Wo immer ich auch war, ich hatte einen Koffer dabei, konnte und wollte nie zur Ruhe kommen. Jetzt ruft diese versöhnliche Stimme aus dem Off: »Du hast genug gespielt«. Das fand ich einfach ein schönes Bild. Gleichzeitig hat mich die Frage, wo »Zuhause« eigentlich ist, beschĂ€ftigt.

Empfehlung: Millenial Punk
Doku

„Millennial Punk” beleuchtet das vernachlĂ€ssigte Kapitel einer totgesagten Subkultur, die mehr zu bieten hat als Stachelfrisuren und Dosenbier. Die vierteilige Doku mit 69 Musiker:innen und Aktiven aus der Szene, wie z. B. Die Toten Hosen, Broilers, Wizo, Antilopen Gang, NOFX, Donots, Pascow, Akne Kid Joe, Massendefekt, Swiss, Diggen, Rogers und vielen anderen zeichnet das PortrĂ€t einer subversiven Jugendbewegung, die keine Angst vor VerĂ€nderungen hat.

Wir können euch die Doku wÀrmstens ans Herz legen! Alle Folgen à 45 Minuten bekommt ihr in der ARD Mediathek.

Foto // Sebastian Valbuena

StreadverkÀufer Moe

"Ich habe dem Teufel die Hand gereicht, jetzt muss ich mit ihm tanzen"

Das ist Moe. Moe ist ein Stread VerkĂ€ufer. Genau genommen erst seit wenigen Minuten. Moe ist heroinabhĂ€ngig und lebt seit 30 Jahren auf der Straße. Wir wissen nicht, ob aus Moe jetzt wirklich ein StraßenverkĂ€ufer wird, aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, ...

…dass er sich ĂŒber den Stread QR-Code freut und sich vornimmt, es auszuprobieren. Denn Moe erklĂ€rt uns, wir kommen genau richtig – schon lĂ€nger hatte er sich gedacht, dass er eine legale Einnahmequelle zum Überleben braucht.
Warum Moe auf der Straße lebt, ist schnell erzĂ€hlt. Mit 13 Jahren haut er von zu Hause ab, aus GrĂŒnden. Bis 24 mogelt er sich irgendwie auf der Straße durch und kommt irgendwie klar. Doch dann kam dieser eine Tag, der alles verĂ€nderte: Dieser eine Heroin-Schuss hat ihn fĂŒr immer an die Straße gebunden: “Ich habe dem Teufel die Hand gereicht und jetzt muss ich mit ihm tanzen.” sagt Moe, halb lĂ€chelnd, halb ernst. 
Seine lĂ€ngste cleane Phase hatte Moe, als er im Knast saß. Und das obwohl man dort viel leichter an Drogen herankommt als außerhalb, erzĂ€hlt er uns. Warum er es trotzdem ohne Drogen durchgezogen hat? Wahrscheinlich lag es an der Struktur und dem geregelten Tagesablauf, ĂŒberlegt er. Aber was bleibt davon ĂŒbrig, wenn du nach der Haftentlassung perspektivlos bleibst? Moe jedenfalls, landete wieder auf der Straße und wieder an der Nadel.
Wir erinnern uns an ein Experiment aus den 70ern, bei dem ein Forschungsteam Ratten in zwei Gruppen aufteilte – eine der Gruppen steckten sie in ein riesiges Ratten-Wonderland mit jeder Menge Futter, tollen Kletter- und Spielmöglichkeiten und was ein Rattenherz sonst so begehrt. Die andere Gruppe Ratten wurde einzeln in engen KĂ€figen gehalten, ohne soziale Interaktion oder BeschĂ€ftigung. Beiden Gruppen stellten sie sowohl normales Wasser als auch Herionwasser hin. Die Wonderland-Ratten rĂŒhrten das Heroinwasser weitestgehend nicht an, die anderen verschlangen es regelrecht.
So oder so Ă€hnlich schĂ€tzen wir die Lage auch hier ein, wobei das GefĂ€ngnis natĂŒrlich nicht ansatzweise mit einem Wonderland zu vergleichen ist. Aber man hat einen Zellennachbarn, tĂ€glich Menschen um sich herum und einen geregelten Tagesablauf und eine Aufgabe. Zumindest mehr, als auf der Straße.
Moe erzĂ€hlt uns: “Die reden immer von Resozialisierung, aber am Ende interessiert sich keiner fĂŒr dich. Im Gegenteil, Leute wie mich, die geklaut haben, wĂŒrden sie am liebsten fĂŒr immer einsperren und den SchlĂŒssel wegschmeißen und fĂŒr KinderschĂ€nder im GefĂ€ngnistrakt neben mir, haben sie Weihnachtsessen veranstaltet, weil sie sind ja “krank” und können ja nichts dafĂŒr! Was ist das?”
Uns drĂ€ngt sich die Frage auf, ob er denn nicht einfach eine Sozialwohnung nach dem Knast beantragen konnte. Moes Antwort ist ernĂŒchternd: “Sie bezahlen lieber 1200 € fĂŒr ein Sammelwohnheim, wo du mit Alkis und aggressiven Leuten, die dich beklauen, in einen großen Raum gepfercht wirst, anstatt den Ausbau von Sozialwohnungen zu finanzieren. Obwohl das den Staat gĂŒnstiger kommen wĂŒrde.”
In Moes Fall scheint die Lösung auf der Hand zu liegen, hĂ€tte er nach dem GefĂ€ngnisaufenthalt, als er clean war, einen Job bekommen, hĂ€tte er es vielleicht geschafft. Vielleicht. Wir wissen es nicht. Aber die Vermutung liegt zumindest nahe, dass eine Aufgabe zu haben, sich wertgeschĂ€tzt und gebraucht zu fĂŒhlen, durchaus hĂ€tte helfen können.
Was manchmal auch helfen kann, ist Liebe. Moe hatte mal eine Freundin. In dieser Zeit ging es ihm gut, sagt er. Wir fragen ihn, warum er heute keine Freundin hat. Moe grinst und erklĂ€rt uns – dafĂŒr brĂ€uchte er erstmal schöne ZĂ€hne. Wenigstens dafĂŒr haben wir eine Lösung und rufen unsere Freund:innen von DIE PRAXIS an. Sie haben mit uns vor kurzem einen Dental Street Day veranstaltet und angeboten, sich kostenlos um den Zahnersatz fĂŒr Obdachlose zu kĂŒmmern. 
Der Termin steht. Ob Moe wirklich hingeht, wissen wir nicht. Aber was wir wissen ist, dass Moe ein unglaublich freundlicher, höflicher und cooler Typ ist, dem man die 30 Jahre Straße vielleicht ansehen, aber nicht anmerken mag. 
Wir bleiben dran und schauen, ob Moe irgendwann vielleicht doch noch mit jemand anderem tanzt


FluxFm Special

Friedrich Liechtenstein

// Redaktion: FluxFm, Katia Berg

Unsere Freund*innen von FluxFM stellen ihren GĂ€sten 3 Stread Fragen on top. Die Antworten gibt's nur bei uns auf der Straße. Dieses Mal mit Werbelegende und Schauspieler Friedrich Liechtenstein.

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FluxFM 3 Fragen an
Foto Lennart Brede

3 Tipps, wie du obdachlosen Menschen Hilfe anbieten kannst.

Wie verhĂ€lst du dich, wenn du einen obdachlosen Menschen auf der Straße schlafen siehst und dir nicht sicher bist, ob er/sie vielleicht bewusstlos ist? Was du sonst noch tun kannst – Wir verraten es dir.

Danke an
unsere Sponsoren!

Wir danken unseren Sponsoren, die das ganze ĂŒberhaupt erst möglich machen und uns nicht nur mit ihrer Kohle unterstĂŒtzten, sondern wichtige soziale Anliegen genauso fĂŒhlen wie wir. Stay tuned for more.

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STREAD bekommst du nur auf der Straße – Jeden Monat neu bei dem/der StraßenverkĂ€ufer*in deines Vertrauens. Anhand des personalisierten QR-Codes können die gemeinnĂŒtzigen Straßenzeitungen nachvollziehen, wie viel ihre VerkĂ€ufer*innen verkauft haben und sie entsprechend auszahlen. Durch die Einsparung teurer Druck- und Papierkosten, können neue Strukturen fĂŒr ein nachhaltiges Wiedereingliederungsystem aufgebaut werden.

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Impressum

stread magazine

HerausgeberDOJO Cares
Treuhandstiftung
c/o DOJO Advertising GmbH
Vertreten durch:
Dominic Czaja (MitgrĂŒnder Stread)

Vorstand DOJO Cares:
Dominic Czaja,
Marija Stojanovic,
Daniel Uppenbrock

GeschĂ€ftsleitungMarija Stojanovic (MitgrĂŒnderin Stread)
Freie Redakteur*innen & Autor*innenFionn Birr
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Bildredaktion
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