STREADstread-2024-04Edith Löhle: Bible Bad Ass

Edith Löhle: Bible Bad Ass

„Bible Bad Ass“ beschreibt mit Recherche, Rotzigkeit und großem Spaß die unglaubliche Geschichte der Hauptfigur Klara als eine Reise durch die Apokryphen, die Bibel und das heutige Berlin. Wie würdest du den Roman mit einem Satz beschreiben?

Genau so! [lacht] Oder: „Bible Bad Ass“ verwebt die Tatsachen um Übersetzungsfehler, Umdeutungen und das Unterschlagen zahlreicher Schriften mit der Realität und der Wut einer Frau im Jahr 2024.

Warum ist Dir dieses Buch so eine Herzensangelegenheit?

Katholisch sozialisiert hatte ich als Teenie meinen Ministrantinnen-Talar an den Nagel gehängt, weil mir der Glaube an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist so nicht passte, weil Frauen keine Pfarrerinnen werden durften und ich auch sonst so in der Kirche keine Raum für mich und meinen immer mehr weiblich gelesenen Körper fand. Männer erzählten mir hauptsächlich Geschichten von Männern: Die Legende von diesem einen Typen, der doch eigentlich kam, uns zu erlösen; der diesen Oberbabo zum Vater hatte und dem die weis(s)en Männer folgten. Facettenreiche Weiblichkeit fand nicht statt – da war ich raus. Mit dem ersten Gehaltszettel und als Geheimnis vor Oma trat ich dann ganz offiziell aus der Kirche aus. Erst viele Jahre später, als ich mich mit meinem Journalismus immer mehr mit dem Patriarchat anlegte, spürte ich das ich an das Thema doch nochmal ranmuss. Ich will ja glauben, aber an was denn? Was kommt raus, wenn ich die verunglimpften Frauen der Bibel zu Wort kommen lasse?

Hat die Kirche das Patriarchat erfunden?

Nein, das Patriarchat ist älter als die Kirchen und ist in erster Linie durch den gesellschaftlichen Wandel zur Sesshaftigkeit und dem Privateigentum entstanden. Aber die katholische Kirche spielte schon immer eine große Rolle bei der Unterdrückung der Frau und auch der queeren Community. Der gesellschaftlich vorherrschende Sexismus wird befeuert durch die Auslegungen biblischer Schriften, sodass sie eben ins patriarchale Narrativ passen. Und die katholische Kirche lässt bis heute keine Frauen in hohen Positionen zu – damit zementiert sie eben die Gesellschaftsordnung, die Männer bevorzugt.

Hat die Bibel heute überhaupt noch Bedeutung?

Also abgesehen, dass rund 2,26 Milliarden Menschen Christ*innen sind und die „Heilige Schrift“ demnach für sehr viele Menschen wegweisend ist, fand ich es unglaublich zu erfahren, wieviel Sprichwörter, Namen und Ableitungen in unserem Sprachgebrauch sind, ohne dass wir den Bezug zur Bibel auf dem Schirm haben.

Der Twist, dass die biblischen Frauen in diesem Roman whatsAppen ist besonders und auch die Sprache des Buches ist auffällig, bedenkt man die Tiefe der Aussage und auch die Arbeit der Recherche. Wieso war dir das wichtig?

Ich habe mir viele Publikationen zu Maria Magdalena, oder zur großen Göttin angeschaut – ich will niemandem zu nahe treten, aber ich sag es mal so: Bis zum Ende lesen, das muss man schon wollen! Entweder ich stieß auf wissenschaftliche Texte oder gar wundersame Channelings aus anderen Sphären. Obwohl sich auch die Popkultur seit langer Zeit an Figuren wie Maria oder Maria Magdalena abarbeitet, hat mir ein Zugang gefehlt, der zwar leicht daherkommt, aber es inhaltlich in sich hat und den Bogen zur Selbstbehauptung schlägt. Und wenn einem etwas fehlt, dann muss man es eben erschaffen…

Wenn man sich Deine Vita anschaut, erwartet man keinen Roman, der Bezug auf die katholische Kirche nimmt. Wie kommt’s?

Naja, der Umgang mit Macht ist die zentrale Frage, um die es beim Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter geht. Und die katholische Kirche ist eine Institution, die Frauen auf der ganzen Welt bis heute Macht verwehrt. Somit ist sie für mich schon sowas wie ein patriarchaler Endgegner und fällt in mein Themenfeld. Meine Arbeit ist eben in den letzten Jahren immer feministischer und auch intersektionaler geworden, mir sind aber viele Diskurse zu akademisiert, manche auch an vielen Lebensrealitäten vorbeigeführt und auch teilweise seelenlos. Deswegen wollte ich ein Werk schaffen, das zugänglich ist, ehrlich und fantasievoll, hart und weich und eine Freundin sein kann, wenn man sich mit Glaube, Kirche und Macht auseinandersetzen will.

Bible Bad Ass ist dein erstes Buch. Was hast Du beim Schreiben gelernt?

Dass das nicht linear funktioniert. Ich bin teils verzweifelt oder hab sogar gegen den zyklischen Flow rebelliert. Ich musste lernen, vieles zu mir kommen zu lassen, konnte nicht – im Gegensatz zum journalistischen Arbeiten – erst recherchieren und dann faktisch abarbeiten. Ob ich wollte oder nicht: Der Stoff musste mit mir wachsen, ich musste bestimmte Erfahrungen machen, an bestimmte Orte reisen und bestimmte Menschen treffen, bevor er wirklich stimmig war. Es gab Gänsehautmomente und magische Ereignisse, so dass ich dann irgendwann dachte, ok, das Universum schreibt hier mit.

Ist Dein Buch nur was für Christ*innen?

Überhaupt nicht. Mir ist total wichtig, dass dieses Buch weder exklusiv für religiöse Menschen gelten darf, noch will ich irgendwen missionieren. Ich selbst bin auch nach dem Buch nicht religiös. Mir ist nur wichtig ein Gegengewicht zu den ganzen Männergeschichten zu liefern.

Was können wir beim Lesen lernen?

Viel über die weibliche Seite Gottes, die vielen Facetten der Heiligen und der Verteufelung des Weiblichen seitens der Katholischen Kirche. Auf Meta-Ebene würde ich sagen: Dass Wut berechtigt ist, aber wir aktiv am (inneren und äußeren) Frieden arbeiten müssen.

 

 

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