STREADstread-2024-03SPOILERROOM: Mental Health
Foto: The Walt Disney Company || Bearbeitung: Stread

SPOILERROOM: Mental Health

In jeder Ausgabe empfehlen wir euch im SPOILERROOM fünf Filme zu einem sozialen Thema. Ihr werdet lachen, ihr werdet weinen, ihr werdet uns lieben und hassen. Viel Spaß!

Unser Autor ist selbst auf dem autistischen Spektrum und leidet unter Depressionen. Hier empfiehlt er Filme, die ihm geholfen haben, seine Neurodiversität und Krankheit besser zu verstehen.

Autismus:

Mary & Max

Neurodiversität. Was ist das? Ich werde das sehr oft gefragt, dabei kann ich es selbst nicht genau erklären. Wer hat schon wirklich Zeit dafür? Wer kann es verstehen, wenn ich selbst es nicht richtig verstehe?  Oft greife ich bei Fragen, auf die ich keine Antwort habe, auf die Popkultur zurück. Aber bei neurologischer Vielfalt ist es schwer. Welche Wahl hat man da: “Rain Man” oder “Monk”; Pest oder Cholera? Beide bedienen mehr Vorurteile, die nur zu noch mehr Masking führen. Was wiederum krank macht. Naja.

Alle, die ein bisschen verstehen wollen, wieso diese „besonderen“ Menschen, die es in jedem Umfeld gibt, so ticken, wie sie ticken, sollte sich “Mary and Max” anschauen.

Der Film geht tiefer als irgendwelche Instagram-Kacheln. Mary und Max sind beide neurodivers, oder besser gesagt: Autisten. Durch Zufall werden sie Brieffreunde. Diese Brieffreundschaft entwickelt sich im Laufe des Films zu einer Art Selbsthilfegruppe. Mit allen Ups und Downs. Selbsterkenntnis und Selbstreflexion sind schön, aber tun eben weh. Und obwohl der Film nur aus einem Haufen Knete gemacht ist, holt mich die Tragik-Komödie emotional komplett ab und zeigt, dass Neurodiversität am Ende „nur“ eine andere Wahrnehmung der Welt ist. Und je mehr Menschen das verstehen würden, umso einfacher wäre mein/unser Leben. Denn viele “Betroffenen” – auch ich – machen den Fehler zu denken, dass die Neurodivergenz uns kaputt macht. Was uns aber kaputt macht, ist, wie die neurotypische Welt damit umgeht.

Spoiler: Mary besucht Max am Ende undfindet ihn tot vor. Aber sie erkennt, dass er glücklich starb. 

 

PTSD

The Perks of Being a Wallflower

Ich weiß nicht, ob ich das hier schon mal gesagt hab, aber ich liebe Coming-f-Age-Filme. Und ganz besonders diesen. Denn er ist weitaus mehr als ein plumper Highschool Film. Er erzählt von einer Gruppe von vermeintlichen Außenseitern, die auf Umwegen zueinander finden und gemeinsam versuchen, das Beste aus ihren Teenager-Jahren in der Vorstadt zu machen. Dabei treffen sie auf die typischen Schwierigkeiten, die mit diesem Alter einhergehen.”Growing up – it’s a trap”. Im Zentrum des Films steht Charlie (Logan Lerman) der schon seit früher Kindheit an Depressionen leidet und klinisch behandelt wurde. Durch die neu gefundenen Freundschaften meint man, dass er es da rausschafft. Trügerisch. So wie Depressionen. Trotzdem wird man den ganzen Film das Gefühl nicht los, dass da noch mehr sein muss. Er ist nicht ehrlich zu sich, zu seinen Freunden oder uns. Der Film erzählt auf tragische Art, dass wir doch nur Sklaven unserer eigenen Hirnchemie sind und manchmal im Leben nicht alles so ist, wie es scheint . 

Spoiler: Charlie findet heraus, dass er als Kind von seiner Tante sexuell missbraucht wurde und das all die Jahre verdrängt hat.  



Depression

Aftersun

Einer der beeindruckendsten Filme der letzten Jahre. Alle, die behaupten, es gibt keine guten Filme mehr, werden hier eines Besseren belehrt. Was mich so beeindruckt? Der Film erzählt die Geschichte eines Vaters, der getrennt von seiner Tochter lebt und mit ihr einen Pauschalurlaub in die Türkei macht. So scheint es zumindest. Eigentlich erzählt der Film, wie es ist, wenn man einen Menschen liebt, der funktionale Depressionen hat, ohne dass man es weiß, und sich rückblickend fragt, ob man es hätte merken können. Hat er versucht, es mir zu sagen? Wieso hat er sich keine Hilfe gesucht? Calum (Paul Mescal) liebt seine Tochter Sophie (Frankie Corio) über alles. Trotzdem gelingt es ihm nicht glücklich zu sein, selbst im Urlaub unter der Sonne. Der Teufelskreis, den jeder Mensch mit Depressionen kennt. Calum versucht, seine Krankheit vor Sophie zu verstecken. Dieser wird erst viele Jahre später bewusst, dass die Zeichen die ganze Zeit da waren. Und sie bleibt mit der Frage zurück: “Hätte ich etwas tun können?”. Der Film ist so geschickt inszeniert, dass ich ihn zweimal schauen musste, um die Warnzeichen zu erkennen.. Dasselbe tut Sophie später, als sie versucht, aus Urlaubserinnerung zu rekonstruieren, wer ihr Vater wirklich war.

Spoiler: Calum nimmt sich am Ende das Leben. 

 

Alles steht Kopf

Ich weiß noch, wie ich als Jugendlicher beim Psychiater meine Diagnose “Depressionen” bekommen habe. Er drückte mir eine VHS in die Hand, mit den Worten “hier schauen Sie da mal rein”. Dieses Video sollte mir erklären, wie Depressionen in meinem Kopf entstehen. Das stand zumindest auf der Rückseite. Ich hatte keinen Videorekorder. Also lag die Kassette in der Ecke meines Zimmers, zusammen mit dem Interesse für meine Gefühle. Bis ich mich dann selbst auf die Spurensuche, gemacht habe. Zehn Jahre später kam dann “Alles steht Kopf” in die Kinos.  Seitdem hoffe ich, dass mein Arzt von damals  Jugendlichen heute diesen Film in die Hand drückt. Denn er ist eins dieser Pixar-Meisterwerke, die uns amüsieren, aber auch etwas beibringen können. Zum einen, dass Traurigkeit und Kummer genauso wichtig sind wie alle anderen Gefühle. Zum anderen, wie eine Depression entsteht. Zum Glück kann man den Film streamen, es wird kein Videorekorder benötigt. 

Spoiler: Am Ende überwinden die Gefühle die Krise und es entsteht eine Persönlichkeitsinseln in der Schaltzentrale.

 

Momo und die Grauen Herren

„Momo“ ist wahrscheinlich der Kinderfilm der am wenigsten ein Kinderfilm ist. Natürlich ist er in die Jahre gekommen und klar „das Buch ist besser“, aber es ist immer noch ein fantastischer Film für Kinder, aber besonders auch für Erwachsene. Denn in Deutschland spricht man ja immer noch ungern über Depressionen. Hier sagt man lieber „Burnout“. Dabei ist das doch eine Depression. Das wollte uns Michael Ende schon 1973 sagen. Leider hörte niemand zu. Momo ist ein Straßenkind, das in die Gemeinschaft eines kleinen Dorfs aufgenommen wird. Es scheint alles in Ordnung zu sein, bis eines Tages die grauen Männer in das Dorf kommen. Dann verschwindet die Freude. “Momo” ist ein bewegender Film, der sich mit dem Thema Depressionen auseinandersetzt, ohne es direkt zu erwähnen. Momo nimmt uns mit auf die Reise der Selbstfindung und Selbstheilung. Dabei entwickelt man als Zuschauer Empathie und versteht die Komplexität des Kampfes gegen die eigenen Dämonen. Der Film zeigt aber auch, wie uns Gemeinschaft auf dem Weg der Heilung helfen kann oder diesen Weg zumindest erträglicher machen kann. Es gibt ein sehr schönes Zitat in dem Film, das für mich Depressionen greifbarer gemacht hat „Man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern. Man verlernt das Lachen und das Weinen. Dann ist es kalt geworden in einem und man kann nichts und niemanden mehr lieb haben. Dann hört nach und nach sogar dieses Gefühl auf und man fühlt gar nichts mehr. Man wird ganz gleichgültig und grau„. S/o an Tua denn dank seines Songs „Es Regnet“ wurde mir erst die Message dieses Films bewusst.

Spoiler: Am Ende gewinnt Momo und alle grauen Männer lösen sich in Luft auf.

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