STREADstread-2024-03Paula Hartmann: „Du bist eine Projektionsfläche“
Foto: Jakob Furis

Paula Hartmann: „Du bist eine Projektionsfläche“

Die Sängerin über die Last des Fames, ihre Machtlosigkeit im Angesicht des Elends dieser Welt und das Donnergrollen im Märchenland.

Paula! Das Hadern mit dem Rampenlicht scheint ein zentrales Thema auf »kleine Feuer«, deiner neuen Platte, zu sein. Es wirkt, als würdest du auf eine jahrzehntelange Künstler*innen-Karriere zurückblicken — dabei ist »kleine Feuer« erst dein zweites Album.

Mich wundert eher, dass sich nicht auch andere Artists schon viel früher kritisch mit dem Rampenlicht beschäftigen. Vielleicht liegt es in meinem Fall daran, dass ich mich schon in meinen Teenagerjahren in einer Light-Version damit auseinandergesetzt habe und generell viel darüber nachdenke, was Öffentlichkeit mit einem Menschen so macht.

Warum? 

Ich bin nicht so gut darin, die Hochphasen auszukosten, die mit meinem Beruf verbunden sind. Ich bin extrem dankbar für meinen Job, aber nehme natürlich auch die negativen Begleiterscheinungen wahr. Zum Beispiel wird das Privatleben weirder, weil du plötzlich auch dort eine andere Rolle hast. In Momenten, in denen es mir gut geht, kann ich den ganzen Trubel und die damit verbundenen Gefühle aber deutlich besser verarbeiten.

 

Hast du schon mal mit dem Gedanken gespielt, das Musik-Ding an den Nagel zu hängen? 

Eigentlich über den gesamten Entstehungsprozess des neuen Albums hinweg. Aber in 2024 noch gar nicht. Mal sehen, wann ich das nächste Mal ins Zweifeln komme.

 

Du wirst ja auch ständig von allen Seiten bewertet, als Künstler*in. 

Die Anzahl der Menschen, die du persönlich kennst, steht ja in keinem Verhältnis zu der Anzahl an Leuten, die eine Meinung zu dir haben. Du bist eine Projektionsfläche. Ich war zwanzig, als ich diese Rolle akzeptieren und annehmen musste. Das nicht alles auf mich zu beziehen, musste ich erst mal lernen.

 

Bist du zu jung berühmt geworden? 

Nein. Ich will mich auch gar nicht beschweren. Jeder Job ist mit Herausforderungen verbunden, meiner eben auch. In diesem Fall kann man den Umgang damit vorher nicht lernen, sondern macht eben Erfahrungen. Aber das hat nicht unbedingt was mit dem Alter zu tun. Entscheidend ist eher, wie sehr man mit sich selbst hadert. 

 

Passend dazu heißt es in einem Song auf »kleine Feuer«: »Niemand hat mir gezeigt, wie man fährt« … 

Das lässt sich doch eigentlich auf jede Form von Erwachsenwerden übertragen, oder? Ich finde, das ist ein universelles Gefühl: Dinge machen müssen, obwohl einem niemand eine Anleitung dafür gegeben hat. Liebe, Verlust, alles. 

 

Apropos Verlust. »kleine Feuer« ist ziemlich düster geraten. Die beinahe niedliche Märchenwelt, die du auf deinem ersten Album »Nie verliebt« gezeichnet hast, wird auf dem zweiten Album von epochaler Finsternis überschattet. 

Die Märchen-Ästhetik in meinen Texten und im Beiwerk ist noch da. Aber die zerbrechliche, eingeschüchterte, fast naive Figur, die man auf dem ersten Album erlebt hat, bin ich einfach nicht mehr. Ich bin älter geworden und habe Abstand genommen von diesem zerbrechlichen Narrativ. Das hat mich irgendwann selbst genervt. Ich wollte zeigen, was inzwischen in meiner Märchenwelt passiert und wollte mich nicht wiederholen.

 

Das ist dir auf jeden Fall gelungen. 

Ich hatte den Anspruch, diesmal ein selbstbestimmteres, klareres Album zu machen. Auf »Nie Verliebt« wurden noch mehr Fragen gestellt, auf »kleine Feuer« sollen Antworten gegeben werden. Auch, wenn die sicherlich düster sind. 

 

Die Geschichten, die du in deinen Liedern verpackst, finden eigentlich immer nachts statt, oder? 

Ich würde mir sehr wünschen, dass mir irgendwann mal ein ‚Happy-tagsüber-Songgelingt. Bisher hat das leider nicht geklappt. Es fühlt sich immer irgendwie an wie ein Fremdkörper.

 

Die spannenden Dinge passieren nun mal bei Nacht. 

Die Nacht ist faszinierend, ja. Für mich fühlt es sich so an, als dürfte ich nachts Dinge tun, die tagsüber verboten sind. Sobald es hell wird, muss man wieder in der Gesellschaft stattfinden. Dann ist der Spaß vorbei. Meine Texte entstehen auch in der Nacht. Ich kann mir dann einreden, dass außer mir niemand wach ist und keiner meine Gedanken hört. 

 

Die neue Platte ist in sehr konzentrierten Sessions entstanden, völlig isoliert von der Außenwelt. Das hört man. 

Mein Produzent Biztram und ich haben uns eingeschlossen, teilweise sieben Tage am Stück. Als der intensive kreative Prozess begann, ging es mir mental gerade nicht gut. Das Arbeitspensum, unser Perfektionismus und die Auseinandersetzung mit einem so persönlichen Projekt haben die Situation dann nicht besser gemacht. 

 

Sind in dieser Zeit auch die Songtexte entstanden? 

Genau. Und die spiegeln diese Atmosphäre natürlich wider. Da war wenig Raum zur Ekstase — das ist bestimmt ein Grund für den düsteren Vibe. 

 

Wenn du sagst: »Niеmand glaubt mehr, wir verändern was«, willst du dann das Lebensgefühl deiner Generation beschreiben? 

Schon, ja. Es gibt in meiner Generation natürlich viele schöne Entwicklungen: Manche Leute setzen sich aktivistisch ein und viele sind extrem lernbereit, wenn es darum geht, sensibel mit Sprache umzugehen. Trotzdem fühlt sich all das im Lichte der Gesamtsituation in der Welt oft sinnlos an. 

 

Optimistisch zu sein fällt gerade schwer, ist vielleicht sogar unangebracht. 

Ich gehe schon immer noch auf Demos und versuche mich für meine Ideale einzusetzen. Und natürlich hoffe ich, dass das irgendetwas verändert. Aber meine Hoffnung hält sich trotzdem in Grenzen. 

 

In »Snoopy« — dem letzten Song auf »kleine Feuer« — ermahnst du dich selbst: »Paula, du warst viel zu lang draußen, komm endlich nach Hause«. Was meinst du damit? 

In diesem Satz kommen einfach Gefühle und Erfahrungen der letzten drei Jahre zusammen. Ich war viel unterwegs, bin zwischen Berlin, Hamburg, Studio und Tour-Terminen hin- und hergependelt. Wo immer ich auch war, ich hatte einen Koffer dabei, konnte und wollte nie zur Ruhe kommen. Jetzt ruft diese versöhnliche Stimme aus dem Off: »Du hast genug gespielt«. Das fand ich einfach ein schönes Bild. Gleichzeitig hat mich die Frage, wo »Zuhause« eigentlich ist, beschäftigt.

 

 

Keyword suggestion: agency, key study...
Back to top
Cookie Consent mit Real Cookie Banner