STREADstread-2024-03OK Kid: Wie man mit einem rechten Shitstorm umgeht
Foto: Nirén Mahajan

OK Kid: Wie man mit einem rechten Shitstorm umgeht

Jonas Schubert, Sänger der Band OK Kid, über Gutmenschen, die Aufgaben der schweigenden Mehrheit und warum es fünf vor zwölf ist.

Jonas, deine Band OK Kid ist dieser Tage einem rechten Shitstorm ausgesetzt. Wie kam es dazu?

Wir haben auf einer der Großdemos gegen Rechtsextremismus gespielt, in unserer Heimatstadt Gießen. Eigentlich haben wir nichts weiter gemacht, als uns für Demokratie auszusprechen. Allein davon fühlen sich einige provoziert.

Sollte Konsens sein, oder?

Wir sind keine linksradikale Band, die überall Anarchie-Zeichen hinschmiert. Wir sind Demokraten.

Überrascht euch der Hass, der euch seitdem im Netz entgegenschlägt?

Nicht wirklich, auch wenn das irgendwie traurig klingt. Damit muss man leben, wenn man sich positioniert. Das Kuriose ist ja, dass die Leute, die unter unseren Posts pöbeln, sich selbst für die einzig wahre demokratische Alternative halten.

Wie geht ihr als Band mit den Hasskommentaren um?

Wir entfernen fast keinen. Klar, manches können und wollen wir nicht sichtbar lassen. Wenn Leute da von »Remigration« schwadronieren, löschen wir das schon. Aber ansonsten lassen wir alles so stehen und gehen einfach nicht darauf ein. Ein besserer Umgang fällt mir irgendwie nicht ein.

Euer neues, sechstes Album »Endlich wieder da wo es beginnt« enthält eine ergänzte  Neuauflage von eurem Stück »Gute Menschen« aus 2015. Der Song war ein Statement gegen das damals aufkommende Pegida-Movement, selbsternannte Wutbürger*innen und die frisch gegründete AfD.

2015 war das Wort »Gutmensch«  noch kein rechter Kampfbegriff. Keine Beleidigung für Leute, die sich für Minderheiten einsetzen und darauf achten, keine Arschlöcher zu sein. Gruselig, wie der Rechtsruck seitdem vorangeschritten ist, oder?

2015 fiel es definitiv leichter, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.

Und über rechte Kräfte hat man sich allemal lustig gemacht. »Gute Menschen« war ja ein durch und durch ironischer Song, der rechte Narrative ad absurdum führen sollte — geschrieben aus der Perspektive einer rassistisch-konservativ denkenden Person. Ich dachte damals wirklich, eine Schelle Ironie würde reichen, um das Problem des Rechtsextremismus zu lösen. 

Aber?

Das war sicherlich ein Fehler. Ich habe unterschätzt, wie gefährlich dieser Rechtsruck würde.

In der neuen Version von »Gute Menschen« heißt es »Jeder, der schweigt, ist ein Faschist«. Ist das nicht zu hart?

Die Aussage ist sehr spitz formuliert, auch polemisch. Im Kern stehe ich aber, logisch, zu dieser Zeile. Das Problem ist die schweigende Mehrheit. Sie spielt der radikalen Minderheit mit ihrem Schweigen in die Karten. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Und war selten so gefährdet wie heute.

Viele Leute scheinen den Ernst der Lage einfach nicht begriffen zu haben, oder?

Die Rechtsextremen werden immer stärker. In meiner Wahrnehmung ist es kurz vor zwölf. 

Was meinst du?

Wer jetzt nicht für demokratische Werte einsteht, überlässt das Feld kampflos den Faschisten. Und die sind sehr gut darin, viele Leute zu mobilisieren. 

Also sollten wir alle rausgehen und kämpfen?

Ich kann natürlich verstehen, wenn man nicht auf jede Demo rennt, vielleicht auch eingeschüchtert ist. Aber ich kann nicht nachvollziehen, wenn Menschen einfach nicht wählen gehen. Sie schenken dadurch ihre Stimme der AfD.

In Sachen ‚gelebte Demokratie‘ haben wir vermutlich alle noch Lernbedarf.

Keine Frage. Vor allem müssen wir — gerade in Zeiten der sozialen Medien — lernen, Meinungen zu akzeptieren, die nicht die unseren sind. Das ist ein Prozess, in dem ich mich selbst befinde. Früher hätte ich in Interviews niemals gesagt, dass ich mich freuen würde, auf Demos neben Leuten von der FDP oder der CDU zu laufen. Inzwischen sage ich das ganz offen. Ich habe verstanden, dass wir uns, was gewisse Grundsatzfragen betrifft, am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren sollten. Man muss ja danach kein Bier zusammen trinken gehen.

 

Das Album, über das wir hier sprechen, heißt „Endlich wieder da wo es beginnt“ und ist seit dem 16. Februar draußen.

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